Axel Plöger, Übergänge, 2026, Hängung der Arbeiten im Chor der Klosterkirche Warburg

Übergänge - Transitionen

Rede zur Eröffnung der Ausstellung “Übergänge-Transitions” von Axel Plöger, ev. Kirche Maria im Weinberg, Warburg 14.6.2026 von Dr. Mayarí Granados, Kunsthistorikerin

Liebe Kunstfreundinnen und Kunstfreunde,

 

freuen Sie sich auf Wandlungen, Übergänge, auf neue Perspektiven, neue Denkanstöße mit der zeitgenössischen Kunst hier im Kirchenraum – das Aufeinandertreffen von Kunst und Architektur aus den verschiedensten Epochen ist etwas ganz Besonderes und ruft eine einmalige, faszinierende, anregende Stimmung hervor.

 

In der Ausstellungsankündigung ist das Konzept der Präsentation wie folgt beschrieben:

 

Der in Detmold arbeitende Künstler Axel Plöger präsentiert in der Klosterkirche Warburg Maria im Weinberg für die dortige Kunstreihe communicare eine eigens für den Kirchenraum entwickelte Installation ÜBERGÄNGE – TRANSITIONS mit schwebenden und stehenden, kreisförmigen Bildobjekten. Diese ortsspezifische Installation bezieht sich unmittelbar auf die architektonischen, ikonografischen und spirituellen Gegebenheiten des Kirchenraums.

Ausgangspunkt der künstlerischen Arbeit sind neun Kreise, die sich unter der Kuppel des Hauptschiffes der Kirche befinden. Diese fungieren für Plöger zugleich als visuelle Inspiration wie auch als formale und inhaltliche Aufforderung. Für die Ausstellung entstehen neun kreisförmige Bildobjekte, die in einer raumgreifenden Installation im Kirchenraum positioniert und aufgehängt werden. Die Arbeiten treten in einen unmittelbaren Dialog mit der Architektur und verändern die Wahrnehmung des sakralen Raumes.

 

Wenn wir uns im Raum umschauen, muss man sagen, dass dieses Konzept voll aufgegangen ist: es entsteht eine besondere, intensive Atmosphäre aus dem Zusammenspiel von sakralem Raum und zeitgenössischer Kunst, die neue Blickwinkel eröffnet und neue Denkanstöße gibt.

 

Für Axel Plöger haben sich mit den Arbeiten zu dieser Ausstellung völlig neue Perspektiven geöffnet. Er wählte den Kreis als christliches Symbol, den er mit seiner intuitiven, freien Malweise in die Bildwelt der zeitgenössischen Kunst holte.

Die frei im Raum hängenden Objekte können als Schilde, Traumfänger, Tore oder Durchgänge in Bildräume gelesen werden. Ebenso entstehen Bezüge zu runden Kirchenfenstern oder zum Motiv des Rads der ewigen Wiederkehr. Auch die Vorstellung der neun Sphären des Paradieses aus Dantes Göttlicher Komödie kann als gedanklicher Resonanzraum mitschwingen.

Gleichzeitig verweist die Materialität der Objekte – Papier, Pappe, Holz und teilweise Bambus – auf Konstruktionen aus dem Drachenbau. Doch diese Objekte können nicht fliegen. Sie hängen an Schnüren im Raum und wirken wie überladene Flugattrappen. Daraus entsteht ein Spannungsfeld zwischen Aufstieg und Bindung, zwischen der Sehnsucht nach dem Himmel und der Realität der Erdgebundenheit.

 

Axel Plöger arbeitete für diese Installation zum ersten Mal mit dem kreisförmigen Format, dem Tondo, – und zwar mit einem Durchmesser von 2 Metern.  Die Tondi entwickelte er als Idee für den Kirchenraum aufgrund der historischen und architektonischen Bezüge, aber auch aufgrund der räumlichen Gegebenheiten, da man nicht wie im klassischen Ausstellungsraum an Wänden hängen kann. Die Tondi zu erstellen, war eine technische Herausforderung: Experimente mit Leinwand, Papier und so weiter gingen dem Malen voraus, und nach einigen Experimenten hat der Künstler schließlich mehrere Lagen Papier mit Kleister verklebt, kreisförmig ausgeschnitten und zur Stabilisierung mit einem achteckigen Holzrahmen von hinten verstärkt. Dabei entstanden keine glatten Malgründe, sondern die Materialität des Papiers und der Farbe verleiht jedem einzelnen Werk eine ganz individuelle Haptik. Die Bildträger erhalten einen Objektcharakter, an den Rändern sieht man das Papier und die Schnitte; diese Arbeitsweise weckt Assoziation an Arte Povera oder an Bildobjekte. Die Oberflächen sind nicht glatt, sondern das Papier hat zum Teil Verwerfungen und Falten gebildet, auch durch die Farbe, so dass man interpretieren kann, die Imperfektion des Irdischen sei eingefangen worden.

 

Der Tondo ist ein ganz klassisches Bildformat, das schon aus der griechischen Antike überliefert ist. Der Begriff Tondo stammt vom italienischen „rotondo“ („rund“) ab und bezeichnete in sich geschlossene Rundbilder, die besonders in der italienischen Renaissance des 15. und 16. Jahrhunderts beliebt waren. Häufig wurden Tondi verwendet für religiöse Darstellungen wie die Madonna mit Kind, aber auch für Porträts.

Das kreisrunde Format sollte die Würde und Distanziertheit des Dargestellten unterstreichen, aber auch die mögliche Konzentration auf ein Bildthema ermöglichen und seine Wirkung verstärken.

Außerdem waren Tondi häufige Gestaltungselemente in der Architektur, wie wir hier in Warburg ja sowohl am Altar mit den Madonnenbildnissen, als auch an den neun kreisrunden, unbemalten Flächen in der Decke nachvollziehen können, die den Künstler zu seinen kreisförmigen Bildobjekten inspirierten.

Ein Kreis ruft den Gedanken an etwas Unendliches auf. Der Kreis hat keinen Anfang und kein Ende, die Fläche scheint unendlich und nicht begrenzt. Es gibt keine Kanten, keine Ränder, kein Oben und Unten, nichts, worauf man in der Komposition Bezug nehmen kann. Axel Plöger hat  beim Malen den Malgrund immer wieder gedreht – so entstand für den Künstler ein ganz anderes Raumgefühl, ein ganz anderes Raumgreifen als bei rechteckigen Bildformaten.

 

In einem aktuellen Statement schreibt Axel Plöger dazu:

 

„Ich arbeite in dieser Werkgruppe Übergänge für die Klosterkirche Warburg mit der Form des Kreises, der in der christlichen Ikonografie eine vielschichtige Bedeutung besitzt. Ich nehme den Kreis in seiner Bedeutung für das Göttliche und das Unendliche, für Wiederkehr und Vollkommenheit, aber auch für Schutz und innere Sammlung. Zugleich verweist er an den Heiligenschein als Zeichen einer transzendenten Präsenz. Diese symbolische Tradition greife ich auf und öffne sie bewusst für weitere Assoziationen. […]

Die Installation tritt bewusst in Beziehung zum barocken Hochaltar der Kirche, dessen großformatiges Gemälde die Himmelfahrt Mariens zeigt. Meine Arbeiten verstehen sich dabei nicht als Illustration, sondern als zeitgenössische Reflexion über Transzendenz, Transformation, Übergänge und spirituelle Bewegung.”

 

Dieses Statement erfasst bereits den Kern der Präsentation in diesem sakralen Raum. Dennoch möchte ich es noch ein wenig ausführen und Ihnen ein paar Hintergrundinformationen und Gedanken dazu mit auf den Weg geben.

 

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass es im spirituellen Kontext immer Momente der Wandlung, des Wechsels von einem Zustand in den anderen gab.

 

 

Der Titel der Installation ist ja auch: Übergänge – Transitions. Axel Plöger hat sich dazu ausführliche Gedanken gemacht. Ich wiederhole nochmal seine Aussage dazu:

“Meine Arbeiten verstehen sich dabei nicht als Illustration, sondern als zeitgenössische Reflexion über Transzendenz, Transformation, Übergänge und spirituelle Bewegung.”

 

Die Himmelfahrt ist eine Wandlung von einem irdischen in einen spirituellen Zustand. Es geht aber auch um Transition allgemein: übergehen von einem Zustand in den nächsten. Dieses Thema hat Axel Plöger bereits in der Vergangenheit in einigen Werkgruppen aufgegriffen, beispielsweise in seinen “Metamorphosen”, worauf ich später nochmal eingehen werde. Übertragen auf die zeitgenössische Kunst versteht Axel Plöger die Metamorphose als etwas Prozessorientiertes, wenn Bilder sich entwickeln und verwandeln. Darin enthalten ist ebenfalls ein religiöser Bezug, wenn durch einen Prozess, eine Entwicklung etwas Neues entsteht und man in neue Sphären kommen kann – die möglicherweise “himmlisch” oder spirituell sein können. 

Wandlungen und Übergänge sind zentrale Themen in der christlichen Dogmatik und Religionslehre. Einige der Begriffe, die für Axel Plöger wichtig waren, möchte ich kurz ausführen:

 

Transition (von lateinisch transire „hinübergehen“) bedeutet Übergang, Wandel oder Umstellung. Es beschreibt den Prozess des Wechsels von einem Zustand, einer Situation oder einer Lebensphase in eine andere. Im Gegensatz zu einem bloßen „Übergang“ als Einzelereignis beschreibt die Transition die gesamte Erfahrung des Wandels, einschließlich der Vorbereitung und Anpassung.

 

Transzendenz (von lateinisch transcendere „übersteigen“) bezeichnet das Überschreiten von Grenzen, speziell das Hinausgehen über die erfahrbare, diesseitige Welt (Immanenz). Es beschreibt ein Jenseits oder Übernatürliches, das außerhalb menschlicher Erfahrung und des Bewusstseins liegt, wie etwa in religiösen Konzepten oder philosophischen Ideen.

 

Die Transformation (von lateinisch transformare ‚umformen‘) ist ein fundamentaler, langfristiger Wandel, der über bloße Optimierung hinausgeht und Strukturen, Kultur sowie Prozesse grundlegend verändert. Sie dient der Anpassung an neue Rahmenbedingungen. Der Begriff beschreibt eine umfassende Neuausrichtung.

 

Ein weiterer wichtiger Begriff ist die Transsubstantiation. Axel Plöger hat sie zwar nicht explizit erwähnt, aber seit 1215 und vor allem in der Zeit der Reformation, und auch noch in den nachfolgenden Epochen wie dem Barock, aus der der Hochaltar stammt, war dieses Thema sehr präsent.

 

Die Transsubstantiation (lat. „Wesensverwandlung“) ist ein zentrales Dogma der römisch-katholischen Kirche. Im Vierten Laterankonzil 1215 wurde dogmatisch festgelegt, dass sich während der Eucharistiefeier das Wesen (die Substanz) von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi verwandelt, während die äußere Gestalt (Species) bleibt. Dies ist eine andauernde Präsenz, die die Anbetung der Hostie begründet.

Der Streit um die Transsubstantiation, zentraler Teil des Abendmahlsstreits der Reformationszeit, dreht sich um die Frage, ob Brot und Wein bei der Eucharistie tatsächlich in den Leib und das Blut Christi verwandelt werden (katholische Lehre) oder ob dies symbolisch zu verstehen ist. Während Luther eine Realpräsenz verteidigte, lehnten Reformatoren wie Zwingli die stoffliche Verwandlung ab.

Die Kontroverse bleibt bis heute ein wesentlicher Unterschied im Verständnis der Eucharistie zwischen römisch-katholischer Kirche, orthodoxer Kirche und den verschiedenen protestantischen Konfessionen.

 

Das Thema der Verwandlung hat Axel Plöger schon über lange Zeit in seinem Werk begleitet. Eine wichtige Inspiration waren dabei Ovids Metamorphosen. Zu diesem Thema gibt es eine Werkgruppe aus den vergangenen Jahren, deren Inhalt in die neuen Arbeiten hineinspielt.

 

Die Metamorphosen des römischen Dichters Publius Ovidius Naso, geschrieben vermutlich um das Jahr 1 bis 8 n. Chr., sind ein in Hexametern verfasstes mythologisches Gedicht über Metamorphosen, was bedeutet, die  „Verwandlung in eine andere Gestalt“.

Thematischer Kern ist das in Mythen häufig anzutreffende Verwandlungsmotiv, worin meist ein Mensch oder ein niederer Gott in eine Pflanze, ein Tier oder ein Sternbild verwandelt wird. Die äußere Gestaltsverwandlung dient oft als Spiegel innerer Zustände oder als Lösung für ausweglose Situationen.

 

Nun möchte ich aber nach all diesen theoretischen Ausführungen noch kurz etwas zu der Malerei von Axel Plöger sagen.

 

In dieser Ausstellung verbindet er seine abstrakte, prozessorientierte Malerei mit skulpturalen und installativen Elementen. Die neun Malereien, hier im Chorraum der Kirche, ausgeführt in Acryl und Kreiden auf kreisförmigen Bildobjekten, lassen ein Zusammenspiel von Farbe, Form, Raum und Bewegung entstehen, das den architektonischen und spirituellen Kontext der Kirche in die Arbeit einbezieht.

 

Schon seit vier Jahrzehnten erschafft Axel Plöger ein malerisches Oeuvre, das geprägt ist von den beiden grundlegenden Konzepten Improvisation und Motivation. Dabei bewegt sich der Künstler meistens in der Abstraktion – von einigen Exkursen in die Gegenständlichkeit abgesehen. Plöger bezeichnet seine Arbeiten als “unbedingte Bilder” – Bilder ohne Dinge, freie, abstrakte Malerei. Kräftige, leuchtende Farbflächen überlagern sich, werden aufgebrochen und unterteilt von ineinander verschlungenen Linien, die mal organisch, mal geometrisch wirken, und immer Spielraum für Interpretationen lassen.

Es hat Axel Plöger nie interessiert, Abbilder der Realität zu schaffen, sondern ihn interessieren die Wirklichkeiten, die in unseren Köpfen entstehen, genauer gesagt der Prozess, der dazu führt, dass sie entstehen. Axel Plögers Bilder sind Spuren eines Wahrnehmungsprozesses, der zwischen dem Künstler und der Leinwand stattfindet. Malen bedeutet Improvisation und Präzision und fordert die Betrachter*innen dazu auf, sich auf eine Interaktion mit der Farbe und den Formen einzulassen.

 

Axel Plögers Oeuvre besteht aus mehreren verschiedene Werkphasen, die aber parallel nebeneinander entstehen. Feine Linien, Flächen, Strukturen, mal kleinteilig, filigran, mal flächig und kräftig. Dabei geht es dem Künstler immer um die Erfassung, um die Wirkung und um die Aussagekraft der Farben. Seine Farben sind oft sehr kräftig, überlagern sich, stehen mit harten Kanten aneinander und sprechen so auf eine emotionale Weise die Betrachter*innen an. Malerei an sich, der Malprozess, die Kombination von Improvisation, dem Faktor Zeit und verschiedenen Farbkonzepten ist es, was Axel Plöger interessiert.

 

Er selbst formuliert es so: „Meine Bilder sind das, was zwischen mir und der Leinwand passiert.“ Dabei malt er oft schnell und ohne Pause, um letztendlich nach einer bestimmten Zeit das Gemalte stehen zu lassen, ohne es zu korrigieren, und für sich wirken zu lassen. Andere Werkphasen hingegen entstehen in einem langsameren Malprozess mit Schichtungen und Farbüberlagerungen – und wirken dennoch spontan, auch wenn zwischen den einzelnen Arbeitsphasen langsame Trocknungsprozesse stehen.

 

Durch die runden Formate entsteht ein vollkommen neuer Blickwinkel; es öffnete sich für den Künstler auf einmal ein ganz neuer Aspekt für sein Werk, auf den er vorher nicht gekommen war.  So ist der Kirchenraum ein Impulsgeber für einen innovativen Werkaspekt.

 

Das Malen ist im Grunde dasselbe geblieben, aber es hat durch das Format eine ganz andere Qualität, eröffnet neue Perspektiven, um sich vom Bildhaften zu lösen.

Rechteckige Bilder haben eine gewisse Begrenzung, die beim Kreis entfällt. Der Kreis eröffnet andere Perspektiven und erweitert den persönlichen Horizont des Künstlers – und erweitert vielleicht auch Ihren persönlichen Horizont, liebe Kunstfreundinnen und Kunstfreunde. 

 

Zuletzt möchte ich noch ein – wie ich finde passendes – Zitat des französischen Avantgarde- und Dada- Künstlers Francis Picabia anbringen, das seit Jahren mein persönlicher Leitspruch ist:

 

„Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann“.

 

Vielen Dank

 

 

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