Gespräche mit Paul Schmidt (Teil 2)

Gespräche mit Paul Schmidt

Überarbeitete Fassung eines Gesprächs mit Paul Schmidt, geführt am 31. März 2008.
Paul Schmidt lebt und arbeitet als freischaffender Journalist und Autor in Valencia, Spanien.

Paul Schmidt: Wenn du ein Bild beginnst, wie ist das, wie fängst du an? Welche Vorbereitungen sind nötig?

Axel Plöger: Es ist nicht so, dass ich unbedingt eine besondere Idee habe, wenn ich ein Bild beginne. Die Ideen sind übergreifend, das heißt, ich setze meine Arbeit einfach fort. Ich treffe Entscheidungen, wähle ein Format, das mir aufgrund der Erfahrungen der letzten Arbeiten jetzt plötzlich mehr zusagt und entscheide mich für ein Motiv. Natürlich entwickle ich auch einen gewissen Plan dabei weiter, aber das hat mit dem Beginn eines einzelnen Bildes nicht wirklich zu tun. Die Arbeit geht eben weiter, es hat schon fast etwas banales. Mir ist nur wichtig, dass mein Interesse wach ist. Das ist mir das wichtigste Kriterium. Dann beginne ich zu malen und nach ein paar Tagen bin ich mit dem Bild fertig. Chuck Close sagte: „Inspiration brauche ich nicht, das ist etwas für Anfänger.“

PS: Du arbeitest mit Vorlagen oder Vorzeichnungen?

AP:. Vorzeichnungen gibt es in dem Sinne nicht. Die Zeichnungen die ich mache, besonders die Tuschezeichnungen, bilden ein völlig eigenen Bereich. Für die großen Bilder benutze ich eine fotografische Vorlage, die ist meistens selbst fotografiert oder auch gegoogelt. Ich suche die Motive aus, die mich interessieren. Die Ausdrucke sind eher von schlechter Qualität und dienen mehr der groben Orientierung, denn als genaue Vorlage. Ich habe auch mit Modellen gearbeitet, das entspricht aber nicht genau meiner Arbeitsweise. Ich arbeite schnell und dann vergeht viel Zeit zwischen den einzelnen  Schichten. Das wichtigste ist, dass ich das Bild nicht aus den Augen verliere. Das Bild, das ich male. Darauf muss ich mich konzentrieren. Alles andere ist oft zufällig.

PS: Du weißt also genau wann ein Bild fertig ist?

AP:. Ja, schon. Manchmal bin ich mir nicht sicher, aber eigentlich weiß ich es schon, und dann dauert es noch ein paar Tage und ich merke, das ich nicht mehr daran weiter arbeite. Dann ist es fertig. Dann beginnt ein neuer Abschnitt mit diesem Bild: Ich beginne es distanziert wahrzunehmen. Das ist ein Prozess der Jahre dauern kann. Heute sehe ich mir Bilder an, die ich vor zwei Jahren gemalt habe und beginne zu verstehen, was ich da gemacht habe. Das ist das unbegreifliche: Jeder Fremde sieht ein Bild, an dem ich vielleicht sogar noch arbeite und hat die Position, es unmittelbar zu empfinden. Gut, es hängt von seiner künstlerischen Vorbildung ab, oder einem gewissen Talent, wie sehr er da zu in der Lage ist. Aber als Außenstehender sieht  er alles. Jedenfalls mehr als ich, denn genauso wie meine Arbeit bin ich selber Teil eines künstlerischen Prozess. Und es dauert eben oft Jahre, bis ich meine eigene Arbeit außerhalb von mir selbst sehe. Kunst ist eben kein Produkt, sondern ein Prozess.

PS: Wenn ich deine Bilder der letzten zehn Jahre so auf diesen Abbildungen hier übersehe, dann kann ich sagen, du entwickelst dich von der Abstraktion kommend hin zur figürlichen Darstellung. Eine, nach den Kunstvorstellungen der klassischen Moderne eher rückwärtsgerichtete Entwicklung?

AP:. Das ist eine sehr komplexe Behauptung, die du da formulierst. Sicherlich habe ich darüber auch nachgedacht, ich empfinde es oft auch so. Tatsächlich aber habe ich nie so abstrakte Bilder gemalt wie heute, im eigentlichen Sinne von Abstraktion nämlich. Ich thematisiere heute  viel mehr die Realität als Motiv meiner abstrahierenden Arbeit. Genauso gut könnte ich aber auch sagen, meine Bilder werden selbstständiger und damit konkreter in ihrer Farbigkeit. Es ist eigentlich paradox, wie du es in deiner Frage ansprichst, nicht eindeutig zu beantworten. Natürlich suche ich den Grad der Verfremdung genau einzusetzen und ich suche aber auch den illusionistischen Charakter möglichst unmittelbar werden zu lassen. Malerei ist sich heute wieder ihrer abbildenden Magie bewusst. Wir können wundervolle Dinge damit beschreiben, wie eine Instanz zwischen Realität und Wahrnehmung. Fotografie sehe ich da völlig gleichwertig, wenn auch viel gebundener an ihre technischen Eigenschaften. Malerei transportiert schon aufgrund ihrer besonderen Materialität eine ganz andere Emotionalität als ein Foto. Jeder Pinselstrich, jeder Farbspritzer auf meinen Bildern ist ein Impuls, der unmittelbar von mir ausgeht.
Natürlich bin ich mir während des Malens nicht immer dessen bewusst, ich befinde mich in einem nüchternen Moment maximaler Konzentration auf meine Wahrnehmung. Das bedeutet, mein Körper, die Hand, die den Pinsel führt arbeitet unbewusst, oder wie man sagt: gestisch.

PS: Was denkst du über den deutschen Expressionismus eines Emil Noldes zum Beispiel?

AP:. Nolde ist großartig. Ich schätze seine Bilder sehr, besonders einige Gouachen mit Köpfen und Porträts. Aber auch Kirchner und Schmidt-Rottluff interessieren mich sehr. Aber ich will nicht mehr so malen. Ich sehe die Dinge heute anders, ich sehe auch Bilder von Beckmann heute anders, diese ganzen abstrahierenden Konstruktionen und bewusst expressiven Verfremdungen würden heute nicht mehr funktionieren. Ich möchte behaupten, die Idee des Individuellen hat sich in einem entschiedenen Maße geändert, Originalität ist uninteressant geworden. Heute versuchen wir Systeme zu entwickeln und knacken diese dann wieder auf, wir beschreiben nur noch unsere Untersuchungen. Ein Pinselstrich ist nicht mehr als eine persönliche Geste. Ich bezweifle, dass wir heute noch diese religiöse Intensität eines gewaltigen schwarzen Farbbogens auf einem Bild von Emil Schumacher so formulieren könnten. Wir sind heute gegeistert von grobpixeligen, unscharfen und farblosen Handybildern. Komprimierung und Information prägen in einem viel wesentlicheren Maße unser aktuelles Bildverständnis.

PS: An welchen Malern orientierst du dich heute oder hast du dich bewusst in diese westfälische Provinz zurückgezogen, weil du dich von solchen Einflüssen frei machen möchtest?

AP:. Nein, das kann ich so nicht zusammenbringen. Ich habe mich nach langen Lebensabschnitten in zwei sehr verschiedenen Großstädten aus sehr persönlichen Gründen für die westfälische Kleinstadt entschieden. Es passt zu mir, ehrlich gesagt, es gibt mir die Ruhe zur Arbeit. Glücklicherweise ist man heutzutage unvergleichlich mobil und kann sich innerhalb von 24 Stunden nahezu an jeden Punkt dieser Welt versetzen, um Dinge zu sehen, die man sehen will. Zudem spielt sich ein großer Teil unserer Realität heute innerhalb von Browserfenstern ab und kennt sowieso keine räumliche Dimension mehr. Was bedeutet, dass ein großer Teil meiner Umgebung identisch ist mit der eines Künstlers in Berlin oder in Lima. Ein Teil an Diskussionen und Kontakten läuft also global. Wer weiß wie sich das weiter entwickeln wird. Nachfolgende Generationen definieren schon jetzt Begriffe wie „Gruppe“  und „Freund“ neu und beziehen wie selbstverständlich ihr virtuelles Kontaktnetz mit ein.
Viele für mich wichtige Arbeiten von Malern kenne ich nur aus Abbildungen in Katalogen. Es gibt zwei zeitgenössische Maler, die mich auf unterschiedliche Art faszinieren und somit auch meine Bildsuche sehr beeinflussen: Yan Pei-Ming und Santiago Ydañez. Der eine ist Chinese und lebt in Frankreich, der andere lebt als Spanier in Berlin. Von letzterem haben wir auch eine Ausstellung gesehen, in der Galerie Luis Adelantado in Valencia. Du erinnerst dich?

PS: Du warst sehr beeindruckt von den Arbeiten. Ich erinnere mich an großformatige schwarzweiße Porträts. Mir waren diese Arbeiten eigentlich zu morbide und schmerzbetont, aber sicherlich sind sie beeindruckend gemalt.

AP:. Es gibt einige aktuelle Maler, die mich heute interessieren. Malerei hat ja insgesamt eine neue Popularität gewonnen. Wenn ich mir die Arbeiten jüngerer Leute anschaue, dann kann ich da eine neue Ernsthaftigkeit entdecken. Malerei ist immer eine lebendige Kunst, ursprünglich und zeitgenössisch zu gleich. Ich erinnere mich an die Zeit meines Kunststudiums an der HbK Kassel. Damals wurde kaum noch gemalt und das figürliche war überhaupt nicht angesagt. Die Theoretiker ereiferten sich über das Ende der Malerei und malerische Konzepte wurden benutzt für andere Bereiche. Das 20.Jahrhundert gleicht einer Grundanalyse aller malerischen Dimensionen. Heute können wir diese Erkenntnisse benutzen und wieder Bilder malen, die nicht mehr unterscheiden müssen zwischen figürlicher und konkreter Malerei, Minimalismus und gestischer Aktion. Wie können Malerei heute benutzen, sie steht wieder auf festen Füßen. Es geht darum Bilder zu machen, die uns heute stark berühren.

 
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